Bundeswehr: Von der Zeitenwende zum Epochenbruch
Die von Olaf Scholz am 27. Februar 2022 angekündigte Zeitenwende schaltet einen Gang höher. Finanziert durch die Verfassungsreform der „Schuldenbremse” vom März 2025 und getragen von einem breiten politischen und gesellschaftlichen Konsens zugunsten der Stärkung und Modernisierung der Bundeswehr, dürften die militärischen Kapazitäten Deutschlands in den nächsten Jahren rasch zunehmen. Vor dem Hintergrund sich wandelnder transatlantischer Beziehungen wird Berlin eine zentrale Rolle bei der Verteidigung des europäischen Kontinents zukommen, wodurch sich seine politisch-militärische Position auf dem Kontinent radikal verändert.
Die Umsetzung der langfristigen strategischen Präferenz Deutschlands, seine Verteidigungsbemühungen über die NATO in Verbindung mit Verteidigungsindustrieprojekten zu organisieren, bei denen die deutsche Industrie im Mittelpunkt steht, wird seit langem bestehende Machtgleichgewichte verändern, mit erheblichen Auswirkungen nicht nur für die deutsch-französischen Beziehungen.
Die Ifri-Studie von 2023 „Zeitenwende: The Bundeswehr’s Paradigm Shift“ von Léo Péria-Peigné und Elie Tenenbaum hatte drei Herausforderungen für die deutschen Streitkräfte identifiziert: eine geringe Systemverfügbarkeit aufgrund von Wartungsrückständen und unzureichenden Beschaffungsprozessen, Personalressourcen, die hinter Rekrutierungszielen zurückbleiben, und schließlich eine strategische Kultur, die mit der Aufgabe der Bundeswehr als glaubwürdige Streitkraft zu kämpfen hat. An diesen drei „Fronten“ haben sich bedeutende Veränderungen vollzogen.
Johanna Möhring forscht zu Fragen der europäischen Sicherheit und Verteidigung. Sie ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Chercheure associée am Centre interdisciplinaire sur les enjeux stratégiques (CIENS) der École Normale Supérieure, sowie Associate fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Diese Publikation ist in den folgenden sprachen verfügbar (pdf):
- Französisch: "La Bundeswehr : de la Zeitenwende à l'Epochenbruch"
- English: "Bundeswehr: From Zeitenwende to Epochenbruch"
- Gemeinsame Veröffentlichung Das Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) des französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri) und des Zentrums für Sicherheitsstudien des Ifri
Inhalte verfügbar in :
DOI
Notes du Cerfa, Nr. 189, Ifri, Februar 2026
Verwendung
So zitieren Sie diese VeröffentlichungTeilen
Verwandte Zentren und Programme
Weitere Forschungszentren und ProgrammeMehr erfahren
Unsere VeröffentlichungenESSI: Wie können die Divergenzen überwunden werden?
Die European Sky Shield Initiative hat zu zahlreichen Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland geführt. Fortschritte sind jetzt in Sicht.
Deutsch-französische Impulse für eine europäische Verteidigungspolitik – zwischen Gestaltungsanspruch und Defiziten
Mehr als 60 Jahre nach dem Élysée-Vertrag und sieben Jahre nach dem Vertrag von Aachen bleibt das deutsch-französische Tandem ein zentraler Machtfaktor innerhalb der Europäischen Union. Beide Länder bündeln einen erheblichen Teil des europäischen Bruttoinlandsprodukts, der industriellen Kapazitäten und der politischen Gestaltungsmacht. Gleichzeitig ist das Kräfteverhältnis im Jahr 2026 asymmetrischer geworden. Deutschland tritt unter Kanzler Friedrich Merz selbstbewusst als finanz- und sicherheitspolitisches Schwergewicht auf, während Frankreich politisch geschwächt ist.
Merz' Europapolitik: das Ende vom "German vote"?
Friedrich Merz’ Ziel ist es, Deutschland von der oft zögerlichen Rolle der vergangenen Jahre zu einem klar erkennbaren Gestaltungsakteur in der Europäischen Union zu machen, der seine Verantwortung für die europäische Integration offensiv wahrnimmt. Kern dieses Anspruchs ist das Versprechen, den „German vote“ zu überwinden – also jene Konstellationen, in denen Deutschland aufgrund innerstaatlicher Abstimmungsprobleme in Brüssel keine eindeutige Position bezieht und so die europäische Entscheidungsfindung blockiert.
Zwischen Vorstellung und gelebter Realität: die deutsch-französische Grenze als europäisches Zukunftslabor
In Europa ist die Frage der Grenzen alles andere als nebensächlich. Nach Angaben des Europäischen Parlaments umfassen die Grenzregionen rund 40 % des Territoriums der Europäischen Union (EU), beherbergen 30 % ihrer Bevölkerung und erwirtschaften nahezu ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts.