Deutschland und die „stärkste konventionelle Armee Europas“: Was denken die Franzosen?
Deutschland rüstet massiv auf. Das wird in Europa einerseits begrüßt, aber andererseits auch mit Argwohn beäugt. Die historische Last hemmt den europäischen Fortschritt.
Wer einmal die Skelette in Verdun gesehen hat, das Beinhaus von Douaumont, weiß zwar nicht, wie es in den ukrainisch-russischen Todeszonen zugeht, er versteht aber sofort, was für ein tiefes Unbehagen dieser Ort auslöst. Weit über ein Jahrhundert hinaus. Verdun ist der Symbolort für das sinnlose Töten im Ersten Weltkrieg. Für eine Zeit, als Deutsche und Franzosen Todfeinde waren, für den zermürbenden Stellungskrieg. Verdun steht für etwas, was nach Jahrzehnten der deutsch-französischen Freundschaft überwunden ist und bleiben soll. Und doch, noch immer, Beklemmung auslöst.
Die an Verdun erinnernden Schlachten, die Russland der Ukraine heute aufzwingt und der drohende Nato-Austritt der USA, führen dazu, dass Europa aufrüstet. Massiv. Und obwohl es ein gemeinsames Verteidigungsziel gibt, nämlich das freiheitliche Europa, schärfen sich gerade jetzt deshalb alte Konfliktlinien: Vor wenigen Wochen hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius Deutschlands erste Militärstrategie vorgestellt. Das erklärte Ziel ist, die Bundeswehr „zur konventionell stärksten Armee Europas“ zu entwickeln. Solche Töne hat man sehr lange Zeit in Deutschland nicht gehört. In Frankreich auch nicht.
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In Frankreich wird die deutsche Aufrüstung mit einer Mischung aus strategischer Erleichterung und politischer Besorgnis aufgenommen. Paris forderte Berlin seit Jahren auf, mehr militärische Verantwortung zu übernehmen; doch der derzeitige Machtzuwachs, verbunden mit den Spannungen rund um das FCAS und den jüngsten industriellen Entscheidungen Deutschlands, lässt Zweifel aufkommen: Baut Deutschland eine gemeinsame europäische Souveränität auf oder eine zunehmend eigenständige nationale Macht?
Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) am Ifri
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Die französische Strategie in der Rüstungsindustrie bestand lange Zeit in Unternehmenszusammenschlüssen. Die neue Strategie, die von deutschen Industrieunternehmen wie Rheinmetall vorangetrieben wird, besteht darin, ausschließlich das deutsche Unternehmen in den Vordergrund zu stellen und Produktionsvereinbarungen mit verschiedenen Ländern abzuschließen. In einem solchen System, das durch enorme Investitionen begünstigt wird, befürchtet Frankreich, in die ,zweite Liga´ verbannt zu werden.
Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) am Ifri
Französische Bedenken: Baut Deutschland eine gemeinsame Souveränität auf? Oder nationale Macht?
Paul Maurice ist Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen in Paris, er beschreibt die Lage im Gespräch mit unserer Redaktion so: „In Frankreich wird die deutsche Aufrüstung mit einer Mischung aus strategischer Erleichterung und politischer Besorgnis aufgenommen. Paris forderte Berlin seit Jahren auf, mehr militärische Verantwortung zu übernehmen; doch der derzeitige Machtzuwachs, verbunden mit den Spannungen rund um das FCAS und den jüngsten industriellen Entscheidungen Deutschlands, lässt Zweifel aufkommen: Baut Deutschland eine gemeinsame europäische Souveränität auf oder eine zunehmend eigenständige nationale Macht?“ Das ist also die Melange, mit der man diesseits des Rheines umgehen muss, wenn die deutsch-französischen Beziehungen keine weiteren Unwuchten bekommen sollen. Maurice sagt auch: „Die französische Strategie in der Rüstungsindustrie bestand lange Zeit in Unternehmenszusammenschlüssen. Die neue Strategie, die von deutschen Industrieunternehmen wie Rheinmetall vorangetrieben wird, besteht darin, ausschließlich das deutsche Unternehmen in den Vordergrund zu stellen und Produktionsvereinbarungen mit verschiedenen Ländern abzuschließen. In einem solchen System, das durch enorme Investitionen begünstigt wird, befürchtet Frankreich, in die ,zweite Liga´ verbannt zu werden.“
Toni Hofreiter (Grüne), Vorsitzender des Europa-Ausschusses im Bundestag, kennt diese Bedenken. Er hört sie in Frankreich und in Polen, wo die „Sorgen mindestens genauso groß sind, wenn nicht größer“. Das hat auch mit den hohen Umfragewerten der AfD zu tun. Die Situation sei ein bisschen paradox, sagt der Europa-Experte: „Zu mir wird gesagt: Wir sind froh, dass ihr mehr macht, aber uns besorgt, dass eines Tages ein hochgerüstetes Deutschland von der extremen Rechten regiert wird.“ Hofreiter kommt viel auf dem Kontinent herum. Überall werde erwartet, „dass Deutschland sich überlegt, wie die Aufrüstungsbemühungen besser europäisch strukturiert werden können.“ Das könnten Eurobonds für Verteidigung sein. Oder gemeinsame Rüstungsprojekte. „Zugleich müssen wir die Partner rhetorisch viel besser einbinden.“
Frankreich-Experte Jacob Ross: Europa kommt nur durch den nächsten Schock voran
Jacob Ross, Frankreich-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, kennt die Bedenken von Deutschlands westlichen und östlichen Nachbarn aus vielen Gesprächen.
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>> Den vollständigen Artikel auf der Website der Augsburger Allgemeinen lesen.
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