Europas nächstes Kampfflugzeug ist … eine Cloud
Nicht weniger als das Kampfflugzeug der nächsten Generation wollten Paris und Berlin seit 2017 zusammen entwickeln – ein Projekt, das krachend gescheitert ist. Dessen Herzstück aber ist noch nicht verloren, schreiben 14 renommierte Experten. Der Nutzen der Combat Cloud gehe sogar weit über die Luftstreitkräfte hinaus.
Nicht weniger als das Kampfflugzeug der nächsten Generation wollten Paris und Berlin seit 2017 zusammen entwickeln – aber das Herzstück dieses Future Combat Air System (FCAS), das Projekt „New Generation Fighter" (NGF), ist krachend gescheitert. Bei der Aufregung um dieses Scheitern droht unterzugehen, dass ein viel wichtigerer Teil aber weiterlebt: die „Combat Cloud", also das digitale Rückgrat, dessen Nutzen weit über die Luftstreitkräfte hinausgeht.
Im Juni 2026 bestätigten Berlin und Paris, dass sie den Jet nicht gemeinsam bauen würden. Damit besiegelten sie einen herben Rückschlag für die deutsch-französische Rüstungszusammenarbeit und für Europas Rüstungsindustrie. Doch die Zusammenarbeit bei der „Combat Cloud" ging trotz dieses Scheiterns weiter. Und hier liegt eine große Chance. Die neue Aufgabe für Paris und Berlin besteht nicht darin, einer alten Idee hinterherzurennen und eine gescheiterte Plattformvereinbarung wiederzubeleben, die keine politischen und industriellen Grundlagen mehr hat, sondern nach vorn zu blicken. Paris und Berlin sollten die Combat Cloud, dieses digitale Rückgrat, zum Kern der zukünftigen europäischen Luftstreitkräfte machen. Denn Europas Bedarf an Luftkampfkraft war noch nie größer, und das Zeitfenster, um dies richtig anzugehen, schließt sich.
Für einen Neuanfang müssen die beiden Regierungen die richtigen Lehren aus dem Scheitern des NGF ziehen. Die wichtigste betrifft die Steuerung/Governance. Der Flugzeugbau scheiterte, weil Politik und Industrie politische Ziele, operative Anforderungen, industrielle Zuständigkeiten, Eigentumsrechte und Arbeitsteilung nie in einem stabilen Entscheidungsrahmen zusammengeführt wurden. Zukünftige Kooperationen sollten die resultierenden Dauerverhandlungen vermeiden. Arbeitsanteile der Industrien werden unter Berücksichtigung der Finanzierungsanteile der Staaten in der europäischen Rüstungszusammenarbeit auch zukünftig eine Rolle spielen. Doch die Regierungen müssen diese frühzeitig festlegen, sie mit klaren Entscheidungsbefugnissen und Verantwortlichkeiten über den gesamten Lebenszyklus verknüpfen und sie vor allem den operativen Anforderungen und gemeinsamen technischen Standards unterordnen.
Das Scheitern eines weiteren europäischen Rüstungsprojekts birgt die Versuchung, sich anderweitig umzusehen, vom Nahen Osten über Südasien bis hin zu den USA. Externe Partnerschaften können die europäische Zusammenarbeit zwar ergänzen, aber sie können einen europäischen Kern in den sensibelsten Bereichen nicht ersetzen: Daten, Kommandostrukturen, Autonomie, Missionssysteme, Software, Komponenten und Effektoren.
Die Abhängigkeit von außereuropäischen Systemen und Komponenten in diesen zentralen Bereichen schafft Schwachstellen. Darunter finden sich Beschränkungen durch Exportkontrollen, eingeschränkter Zugang zu Software und Quellcode, Integrationsabhängigkeiten sowie eine eingeschränkte Freiheit bei der Weiterentwicklung künftiger europäischer Waffensysteme. Solche Optionen mögen Schnelligkeit und Skalierbarkeit versprechen; doch so schwierig sich die innereuropäische Zusammenarbeit auch erwiesen haben mag, gibt es keine ernstzunehmende Alternative zu einem gewissen Maß an Zusammenarbeit, insbesondere bei den kritischen Technologien der Autonomie, der KI und der „Combat Cloud". Es braucht also eine europäische Souveränität in diesen Schlüsselbereichen, um Europas Sicherheit zu gewährleisten.
Der strategische Kontext lässt keinen Raum für nationale Nabelschauen. Die nationalen Verteidigungsstrategien Frankreichs, Deutschlands und anderer europäischer Staaten stimmen in den wesentlichen Punkten überein: Europa muss sich auf hochintensive Kriegsführung auf dem Kontinent gegen eine wachsende russische Bedrohung wappnen, vor dem Hintergrund einer amerikanischen Lastenverlagerung, die klaffende Lücken in der konventionellen Verteidigungsfähigkeit Europas hinterlässt. In einem solchen Konflikt ist Luftmacht einer der wenigen Fähigkeitsbereiche, die Europa zu seinem Vorteil nutzen kann, um Russlands quantitative Überlegenheit bei der landgestützten Feuerkraft auszugleichen. Da kein europäischer Verbündeter allein kämpfen will und wird, ist Interoperabilität die Grundvoraussetzung für europäische Luftmacht.
Frankreich, Deutschland, Schweden, Spanien und andere Länder benötigen allesamt zukünftige Luftkampffähigkeiten. Ob diese in Form eines gemeinsamen Kampfflugzeugs der 6. Generation, separater nationaler Plattformen, starker unbemannter Einsatzpakete oder gemischter Flotten zum Tragen kommen, wird von Land zu Land unterschiedlich sein. Was sie jedoch vor allem benötigen, ist eine moderne, vernetzte Luftwaffe mit einer erschwinglichen und zunehmend autonomen Masse an Effektoren.
In Zukunft können Bündnispartner dann Interoperabilität und Luftüberlegenheit erreichen, wenn sie eine gemeinsame digitale Ebene haben. Der moderne Luftkampf wird nicht mehr durch die individuelle Leistung einer einzelnen Plattform entschieden, sondern durch die kollektive Leistung des Netzwerks von Sensor bis zum Schützen. Das verbindende Netz ist wichtiger als jeder einzelne Knotenpunkt.
Die gute Nachricht ist, dass diese „Combat Cloud" genau der Teil des FCAS ist, der fortgeführt werden soll. Es ist daher eine Chance, um eine gemeinsame europäische Combat-Cloud aufzubauen, deren Kern aus digitaler Autonomie und sicherer Konnektivität besteht. Unabhängig von den bestehenden Unterschieden in der Luftfahrttechnik braucht in Zukunft jeder bemannte Kampfflieger in Europa, sei es der 4., 5. oder 6. Generation, aber auch Verbrauchsmunition, abnutzbare Drohnen oder ferngesteuerte Träger sowie ausgefeiltere kollaborative unbemannte Kampfflugzeuge eine gemeinsame Softwarearchitektur, Kommunikationsnetzwerke und Satellitenverbindungen. Ohne sie können Sensoren und Schützen, aber auch Entscheidungsträger Daten und Information nicht in Echtzeit austauschen und nutzen.
Technologisch steht Europa besser da, als es die Trümmer des NGF-Projekts vermuten lassen. Europa verfügt über weltweit führende Luft- und Raumfahrtunternehmen und hat nun eine Generation von europäischen Start-ups im Bereich Verteidigungstechnologie, die in der Lage sind, die softwarezentrierten Lösungen, Missionssysteme, Autonomie- und Datenebenen bereitzustellen, an die nationale Plattformen angebunden werden können. Damit jedoch eine weitere europäische Kooperation nicht erneut an der Komplexität des alten Projektes scheitert, sollte die Zusammenarbeit durch die Aufteilung in zwei oder mehr parallele Projekte handhabbarer werden.
Entscheidend ist weniger, wer die Führung übernimmt, sondern wie kooperiert wird: Es braucht eine offene Referenzarchitektur mit frühzeitig festgelegten, vertraglich verbindlichen gemeinsamen Standards und zertifizierten Schnittstellen. Diese muss akkreditierten europäischen Akteuren unter klaren Sicherheits-, IP- und Exportkontrollvorschriften zugänglich sein, sodass jeder europäische Akteur darauf aufbauen kann – statt auf proprietären Entwürfen, die von einem weiteren Arbeitsaufteilungsausschuss zersplittert wurden
Der bevorstehende deutsch-französische Ministerrat am 16. und 17. Juli sollte den Beginn dieses Neuanfangs markieren. Die Regierungen sollten die Zusammenarbeit in den Bereichen Combat-Cloud, Konnektivität und Effektoren auf eine neue Stufe stellen, den Standardisierungsprozess für Schweden und andere interessierte europäische Länder öffnen und dies durch gemeinsame Finanzierung, klare Entscheidungsbefugnisse sowie eine stabile und robuste Governance untermauern. Die industrielle Führungsrolle bei den Plattformen sollte dort national bleiben, wo es notwendig ist, doch die Cloud, die es ihnen ermöglicht, gemeinsam zu kämpfen, sollte gemeinsam genutzt werden: eine europäische Cloud für die gemeinsamen Luftstreitkräfte Europas.
Neben Élie Tenenbaum, dem Leiter des Zentrums für Sicherheitsstudien am Institut français des relations internationales (Ifri), und Christian Mölling, dem Direktor von EDINA in Berlin wirkten an diesem Text mit: Delphine Deschaux-Dutard, Université Grenoble Alpes; Samuel Faure, Institut für strategische Forschung der Militärschule (IRSEM); Ulrike Franke, European Council on Foreign Relations (ECFR); Pia Fuhrhop, Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP); Pierre Haroche, Université Catholique de Lille; Claudia Major, German Marshall Fund of the United States (GMF); Paul Maurice, Ifri; Johanna Möhring, Universität Bonn und Université Paris-Panthéon-Assas; Léo Péria-Peigné, Ifri; Jana Puglierin, European Council on Foreign Relations (ECFR); Olivier Schmitt, Königliche Dänische Verteidigungsakademie in Kopenhagen; Hans Stark, Sorbonne Université.
>> Den Gastbeitrag auf der Website von Table.Briefings lesen.
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