Auf dem Weg zu einer neuen europäischen Handelsstrategie in Zeiten des geopolitischen Umbruchs: Die deutsche Perspektive
Als einer der erfolgreichsten Handelsblöcke sieht sich die EU mit der Aushöhlung des auf Regeln basierenden globalen Handelssystems konfrontiert, und der Handel wird zunehmend zur Waffe.
Die laufende Abkopplung zwischen den USA und China und der russische Krieg in der Ukraine haben die Debatte über die europäische Souveränität und wirtschaftliche Sicherheit in jüngster Zeit verstärkt, was weitreichende Folgen für das Wirtschaftsmodell der EU und ihre Handelsbeziehungen mit Drittländern hat. Die Neukalibrierung des Grades der wirtschaftlichen Offenheit der EU erfordert neue Ansätze in Bezug auf Multilateralismus, bilaterale Handelsabkommen und autonome Handelsinstrumente.
In diesem Beitrag wird untersucht, wie Deutschland als international stark verflochtenes Land von all diesen Entwicklungen direkt betroffen ist und daher versucht, sowohl seine eigene Position anzupassen als auch eine neue europäische Handelsstrategie mitzugestalten. Dies wird sowohl für die neue Europäische Kommission als auch für das Europäische Parlament nach den bevorstehenden Europawahlen im Jahr 2024 von großer Bedeutung sein.
Klemens Kober ist Direktor Handelspolitik, EU-Zoll, Transatlantische Beziehungen bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sowie EU-Repräsentant des Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AUMA). Er hat seinen Sitz in Brüssel und vertritt den DIHK in einer Reihe von europäischen und internationalen Gremien, unter anderem im Verband der europäischen Industrie- und Handelskammern (Eurochambres) und der Internationalen Handelskammer (ICC). Zuvor war er in der Generaldirektion Handel der Europäischen Kommission tätig. Er ist außerdem Dozent am Institut d'études politiques de Strasbourg.
- Die in diesem Beitrag geäußerten Ansichten sind ausschließlich die des Autors
>> >> Diese Publikation ist auf Englisch verfügbar: Towards a New European Trade Strategy in Times of Geopolitical Upheaval: The German Perspective (PDF).
Siehe auch die Veröffentlichung von Marie Krpata und Ana Helena Palermo: verfügbar in Französisch und Deutsch (pdf):
Französisch: "UE-Mercosur : un trilemme insoluble entre règles de la concurrence, ambitions normatives et diversification des approvisionnements".
Welchen Beitrag leistet die nukleare Abschreckung Frankreichs zur Verteidigung Europas?
Die französische nukleare Abschreckung dient in erster Linie der Verteidigung der lebenswichtigen Interessen Frankreichs, trägt jedoch auch zur Verteidigung Europas bei. Dieser Beitrag Frankreichs wird innerhalb des Atlantischen Bündnisses seit 1974 anerkannt, ist jedoch nach wie nicht in der Breite bekannt. Anlässlich einer Rede, die von den europäischen Partnern Frankreichs, aber auch von seinen Gegnern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde, kündigte Präsident Emmanuel Macron nun ein neues Konzept für die nukleare Abschreckung Frankreichs an: das der „vorgelagerten Abschreckung“ (dissuasion avancée). Der vorliegende Artikel erläutert die Entstehungsgeschichte dieses Konzepts, seine wesentlichen Bestandteile sowie die in diesem Rahmen angestrebten Partnerschaften. Im Weiteren erörtert er den Bezug zur amerikanischen Doktrin der erweiterten Abschreckung (extended deterrence) und schließt mit einigen ethischen Überlegungen.
Frankreich und Deutschland: Trotz Divergenzen die europäische Souveränität stärken
Der mit dem Amtsantritt von Friedrich Merz als Bundeskanzler im Mai 2025 eingeleitete deutsch-französische „Neustart“ und seine Konkretisierung im Rahmen des Deutsch-Französischen Ministerrats (DFMR) in Toulon im August 2025 verfolgten das Ziel, den strukturellen Belastungen der bilateralen Beziehungen entgegenzuwirken. Gleichwohl lässt sich feststellen, dass die formulierten Ambitionen bislang nur teilweise umgesetzt wurden. Seit Anfang des Jahres 2026 befinden sich die deutsch-französischen Beziehungen in einer Phase, in der sich kurzfristige Spannungen mit grundlegenderen Divergenzen hinsichtlich politischer Prioritäten, des politischen Handlungsstils sowie der strategischen Kultur überlagern.
Deutschland im Schatten der Vereinigten Staaten, Russlands und Chinas – Systemische Paradigmenwechsel
Seit der Wiedervereinigung hat Deutschland seinen Wohlstand auf einer internationalen Weltordnung aufgebaut, die auf Freihandel, Multilateralismus und geopolitischer Stabilität beruht. Dieses Modell stützte sich auf drei Beziehungen, die sich gegenseitig ergänzten: den militärischen Schutz durch die USA, die Energieversorgung durch Russland und die wirtschaftliche Integration mit China. Über mehrere Jahrzehnte hinweg betrachtete Berlin diese gegenseitigen Abhängigkeiten als Faktoren für Frieden, Wachstum und Sicherheit.
Die deutsche Wirtschaft wieder ankurbeln: zwischen wirtschaftlichen, sozialen und verteidigungspolitischen Erfordernissen
Deutschland steht vor der Infragestellung der Grundlagen seines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells und verliert die Orientierung. Das deutsche Nachkriegsmodells, das auf der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik Deutschland beruht, und das jahrzehntelang mit Erfolg und Wohlstand gekrönt war, gerät stetig ins Wanken. Die bisher latente Angst vor Deindustrialisierung wird immer konkreter, insbesondere durch die Schwächung eines Schlüsselsektors: der Automobilindustrie.