Der Realitätsschock: Der Umgang der Ampelkoalition mit der russisch-ukrainischen Krise
Die Ampelkoalition steht angesichts der russisch-ukrainischen Krise vor einer Bewährungsprobe: Es geht um den Zusammenhalt innerhalb der neuen Ampelkoalition, um das Durchsetzungsvermögen des Bundeskanzlers Olaf Scholz und um die Anpassungsfähigkeit der deutschen Außenpolitik in der post-Merkel Ära.
Erste Entscheidungen der deutschen Bundesregierung erwiesen sich als zögerlich, sei es bei der Lieferung von Waffen an die Ukraine, oder was die unklare Haltung bezüglich der Gas-Pipeline Nordstream 2 anbelangt. Sie wurden im Ausland – vor allem in Zentraleuropa und den USA – harsch kritisiert.
Deutschlands Positionierung gegenüber Russland geht weit über die an den Tag getretenen Kommunikationsfehler und politikerbezogene Fragen hinaus. Wirtschaftliche Erwägungen, die Bestrebung, ein politisches Gleichgewicht in der Welt aufrecht zu erhalten, aber auch die komplexe Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen prägen das Verhältnis beider Staaten zueinander. Jenseits des russisch-ukrainischen Konflikts veranschaulicht diese Krise die Schwächung einer regelbasierten Ordnung und die Rückkehr der Machtverhältnisse in den internationalen Beziehungen. Deutschland ist mit grundsätzlichen Fragestellungen konfrontiert, deren Beantwortung zu lange hinausgezögert wurde. Zuerst die Frage der Weiterentwicklung und Anpassung seiner militärischen Fähigkeiten, um der Bundesregierung Handlungsspielraum zu verschaffen und ihr auch den nötigen diplomatischen Rückhalt bieten zu können. Zweitens, die Notwendigkeit, die geoökonomischen Auswirkungen seiner globalen Handels- und Investitionsbeziehungen, insbesondere gegenüber Russland und China, anzugehen. Dies ist ein heikler Moment für ein Land, das seine Wirtschaft einer beispiellosen Energiewende unterzieht, während es auf russisches Gas als Übergangsenergie angewiesen ist. Und das vor dem Hintergrund dessen, dass deutsche Unternehmen, auf China gesetzt haben, um ihre Wachstums- und Entwicklungsziele zu erreichen. Letztlich stellt sich die Frage wie Deutschland die Eigenschaften und Hemmungen, die es ausmachen, aber auch seine wirtschaftlichen und technologischen Ambitionen miteinander vereinbaren kann und auf welche Partner es sich hierbei stützen kann. Ziel dabei ist es, auf dem Weltparkett ein verantwortungsvoller Akteur zu bleiben, der sich durch eine gewisse Zurückhaltung auszeichnet, und vor allem durch eine europäische Lesart, im Sinne der Verfolgung europäischer Interessen, geleitet wird.
Éric-André Martin ist Generalsekretär des Studienkomittees für die deutsch-französischen Beziehungen (Cerfa) beim Ifri.
Diese Publikation ist auf Französisch verfügbar: Le choc de la réalité : La coalition feu tricolore dans la crise russo-ukrainienne (PDF).
Verwandte Zentren und Programme
Weitere Forschungszentren und ProgrammeMehr erfahren
Unsere VeröffentlichungenDie Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg: Erster Test für die schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Merz?
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2026 stellt den ersten großen Stimmungstest für die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz dar. Gleichzeitig ist Baden-Württemberg eines der Bundesländer, das – als wichtiger Standort der deutschen Automobilindustrie und ihrer Zulieferbetriebe – besonders von der durch Klimawandel und die internationale Konfliktkonstellation getriebenen Transformationspolitik betroffen ist.
Bundeswehr: Von der Zeitenwende zum Epochenbruch
Die von Olaf Scholz am 27. Februar 2022 angekündigte Zeitenwende schaltet einen Gang höher. Finanziert durch die Verfassungsreform der „Schuldenbremse” vom März 2025 und getragen von einem breiten politischen und gesellschaftlichen Konsens zugunsten der Stärkung und Modernisierung der Bundeswehr, dürften die militärischen Kapazitäten Deutschlands in den nächsten Jahren rasch zunehmen. Vor dem Hintergrund sich wandelnder transatlantischer Beziehungen wird Berlin eine zentrale Rolle bei der Verteidigung des europäischen Kontinents zukommen, wodurch sich seine politisch-militärische Position auf dem Kontinent radikal verändert.
ESSI: Wie können die Divergenzen überwunden werden?
Die European Sky Shield Initiative hat zu zahlreichen Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland geführt. Fortschritte sind jetzt in Sicht.
Deutsch-französische Impulse für eine europäische Verteidigungspolitik – zwischen Gestaltungsanspruch und Defiziten
Mehr als 60 Jahre nach dem Élysée-Vertrag und sieben Jahre nach dem Vertrag von Aachen bleibt das deutsch-französische Tandem ein zentraler Machtfaktor innerhalb der Europäischen Union. Beide Länder bündeln einen erheblichen Teil des europäischen Bruttoinlandsprodukts, der industriellen Kapazitäten und der politischen Gestaltungsmacht. Gleichzeitig ist das Kräfteverhältnis im Jahr 2026 asymmetrischer geworden. Deutschland tritt unter Kanzler Friedrich Merz selbstbewusst als finanz- und sicherheitspolitisches Schwergewicht auf, während Frankreich politisch geschwächt ist.