Suche auf ifri.org

Über ifri

Häufige Suchanfragen

Suggestions

Deutsch-französische Impulse für eine europäische Verteidigungspolitik – zwischen Gestaltungsanspruch und Defiziten

Externe Publikationen Externe Artikel
|
Date de publication
|
Accroche

Mehr als 60 Jahre nach dem Élysée-Vertrag und sieben Jahre nach dem Vertrag von Aachen bleibt das deutsch-französische Tandem ein zentraler Machtfaktor innerhalb der Europäischen Union. Beide Länder bündeln einen erheblichen Teil des europäischen Bruttoinlandsprodukts, der industriellen Kapazitäten und der politischen Gestaltungsmacht. Gleichzeitig ist das Kräfteverhältnis im Jahr 2026 asymmetrischer geworden. Deutschland tritt unter Kanzler Friedrich Merz selbstbewusst als finanz- und sicherheitspolitisches Schwergewicht auf, während Frankreich politisch geschwächt ist.

Image principale
Jeanette SÜẞ
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
body

Präsident Emmanuel Macron befindet sich in den letzten 18 Monaten seiner Amtszeit, mit begrenzten innenpolitischen Handlungsspielräumen angesichts parlamentarischer Blockaden und im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2027, die mit einem Sieg des rechtspopulistischen Rassemblement National enden könnten. Diese Instabilität reduziert Frankreichs Glaubwürdigkeit auf europäischer Ebene, auch wenn Paris außenpolitisch und militärisch weiterhin als verlässlicher Akteur wahrgenommen wird.

Potenziale der deutsch-französischen Verteidigungszusammenarbeit

Gerade im Verteidigungsbereich ist die Zusammenarbeit zwischen Berlin und Paris essenziell. Frankreich bringt eine ausgeprägte strategische Kultur, nukleare Abschreckung, einsatzfähige Streitkräfte und eine hochintegrierte Rüstungsindustrie ein. Deutschland verfügt über finanzielle Ressourcen, eine wachsende industrielle Basis und eine Schlüsselrolle innerhalb der NATO, insbesondere an der Ostflanke.
Ohne strategische Abstimmung zwischen diesen beiden Polen bleibt die europäische Verteidigung jedoch fragmentiert. Umgekehrt haben deutsch-französische Kompromisse bei Budgetfragen, Fähigkeitsprioritäten und industrieller Zusammenarbeit oft eine Sogwirkung auf andere Mitgliedstaaten. Verteidigungskooperation ist daher nicht nur eine Frage militärischer Effizienz, sondern auch politischer Glaubwürdigkeit Europas gegenüber Partnern und Rivalen.

Frankreich bot Deutschland bereits 2020 einen Dialog über einen französischen nuklearen Schutzschirm an, doch Berlin griff dies aus Sorge um die enge sicherheitspolitische Bindung an die USA nicht auf. Seitdem haben unterschiedliche Rüstungsentscheidungen das deutsch-französische Verhältnis zusätzlich belastet.

Gleichzeitig offenbart ein Blick auf die gemeinsame Rüstungskooperation  ein gemischtes Bild: Während Vorhaben im Landbereich wie frühe gemeinsame Panzerprojekte lange scheiterten und erst mit dem neuen Kampfpanzerprojekt MGCS wieder an Fahrt gewinnen, verlief die Zusammenarbeit in der Luft deutlich erfolgreicher. Dort entstanden über Jahrzehnte gemeinsam genutzte Systeme wie das Transportflugzeug Transall C-160, der Kampfhubschrauber Tiger oder der moderne A400M. Insgesamt zeigt sich, dass die deutsch-französische Kooperation vor allem dort tragfähig war, wo Anforderungen früh abgestimmt und industrielle Strukturen gemeinsam aufgebaut wurden.

Rüstungskooperation FCAS und MGCS unter Druck

Die Großprojekte FCAS (Future Combat Air System) und MGCS (Main Ground Combat System) sollten Symbole einer vertieften Integration sein, stehen jedoch mittlerweile exemplarisch für die strukturellen Probleme der bilateralen Rüstungszusammenarbeit. Wiederkehrende Streitpunkte sind die Aufteilung industrieller Arbeitspakete, geistige Eigentumsrechte, Führungsansprüche bei Schlüsseltechnologien sowie Exportregeln.
Im FCAS-Projekt lähmt insbesondere die Rivalität zwischen Dassault Aviation und Airbus Defence den Fortschritt. Beim MGCS wurde das ursprüngliche Gleichgewicht durch den Einstieg von Rheinmetall neben KNDS zusätzlich verkompliziert.

Ein Scheitern oder weiteres Verzögern von FCAS und MGCS könnte die strategische Konsequenz haben, dass Deutschland und Frankreich ihre Kooperationsoptionen künftig stärker diversifizieren. Für Deutschland wäre dabei eine engere Anlehnung an andere europäische Partner denkbar, etwa an Schweden mit dem Kampfflugzeug Gripen und zugehörigen Lenkwaffensystemen, wo Entscheidungsstrukturen schlanker sind und nationale industriepolitische Ansprüche weniger stark überlagern.

Dass politische Eingriffe notwendig  waren, um technische Projektphasen überhaupt zu sichern, zeigt, wie begrenzt die industrielle Kooperationsbereitschaft jenseits politischer Absichtserklärungen ist. Wenn selbst politisch hoch priorisierte Vorhaben wie FCAS und MGCS nur durch permanente politische Intervention am Leben gehalten werden können, stellt sich die Frage nach der realen Belastbarkeit dieses Modells. Tatsächlich erscheinen andere bilaterale oder minilaterale Rüstungskooperationen innerhalb der EU derzeit pragmatischer, etwa die deutsch-norwegische Zusammenarbeit bei U-Booten (Klasse 212CD), die italienisch-britisch-japanische Kooperation im Luftbereich (GCAP, wenn auch außerhalb der EU) oder die enge Verzahnung zwischen Frankreich und Belgien im Landbereich (CaMo). Diese Projekte deuten darauf hin, dass kleinere Partnerkreise mit klarer Führungsstruktur, abgestimmten Exportregeln und begrenzter industrieller Konkurrenz bislang erfolgversprechender sind als die politisch ambitionierten, aber strukturell überfrachteten Großprojekte der deutsch-französischen Rüstungsintegration.

Die starke Abhängigkeit von den USA erschwert die „strategische Autonomie“ der EU

Trotz aller politischen Bekenntnisse zur „strategischen Autonomie“, die insbesondere seit der Sorbonne-Rede des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron verfolgt wird, bleibt die Europäische Union in ihrer Verteidigungsfähigkeit strukturell und tiefgreifend von den Vereinigten Staaten abhängig. Zwischen 2020 und 2024 stammten rund 64 % der Waffenimporte europäischer NATO-Mitglieder aus den USA, ein deutlicher Anstieg gegenüber früheren Zeiträumen und ein Indiz für die dominante Rolle amerikanischer Rüstungsindustrie und Sicherheitstechnik auf dem Kontinent. Diese Abhängigkeit ist weniger eine Frage einzelner Beschaffungsvorhaben als Ausdruck eines systemischen Ungleichgewichts: Die USA sind technologische Weltmarktführer, verfügen über ein nahezu vollständiges militärisches Fähigkeitsspektrum und kontrollieren zentrale Schlüsseltechnologien, Datenzugriffe sowie Wartungs- und Logistikprozesse moderner Waffensysteme. Die zeitweise Unsicherheit über die US-Unterstützung für die Ukraine hat verdeutlicht, wie schnell sicherheitspolitische Abhängigkeiten zum Gegenstand innenpolitischer Auseinandersetzungen in Washington werden können und damit unmittelbare Auswirkungen auf Europa entfalten. Zwar besteht kaum Anlass zur Annahme, dass die USA ihren europäischen Partnern bewusst militärische Systeme liefern, um diese später zu blockieren, nicht zuletzt weil US-Unternehmen ein starkes wirtschaftliches Interesse an verlässlichen Absatzmärkten haben. Gleichwohl bleibt die strukturelle Asymmetrie bestehen, da Europa bei hochintegrierten Systemen faktisch keinen vollständigen Zugriff auf kritische Komponenten und digitale Architekturen besitzt.

Der deutsche Kauf des F-35-Kampfflugzeugs verdeutlicht dieses Dilemma exemplarisch: Die Entscheidung war militärisch rational, da nur dieses System kurzfristig für die nukleare Teilhabe zertifiziert war und der Tornado altersbedingt ersetzt werden musste, während eine entsprechende Zertifizierung des Eurofighters Jahre in Anspruch genommen hätte. Politisch jedoch verfestigt sie die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologien und Infrastrukturen weiter, da mit dem Erwerb der F-35 auch langfristige Abhängigkeiten bei Wartung, Software und Einsatzfähigkeit einhergehen, was insbesondere Frankreich Deutschland ankreidet. Die langfristige Antwort kann daher nicht in punktuellen Beschaffungsentscheidungen liegen, sondern nur in einem strategischen Kurswechsel. Europa muss eigene verteidigungsfähige Systeme entwickeln, deutlich stärker in Forschung und Schlüsseltechnologien investieren und Rüstungsplanung konsequent europäisch denken.

Fragmentierte europäische Verteidigungspolitik auf dem Prüfstand

Ansätze hierfür existieren bereits in verschiedenen EU-Programmen wie SAFE (Strategic Autonomy for European Defence) und dem European Defence Industry Programme (EDIP). Doch diese Ansätze bleiben fragmentiert, unterfinanziert und zu langsam. Ohne eine rasche und verbindliche gemeinsame Beschaffungspolitik sowie klar priorisierte industrielle Fähigkeiten droht die EU dauerhaft in der Rolle eines sicherheitspolitischen Juniorpartners zu verharren. Vollständige Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten ist kurzfristig unrealistisch, doch eine schrittweise Reduzierung kritischer Abhängigkeiten wäre notwendig, wenn Europa seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit bewahren will.

Schließlich fehlt ein kohärenter europäischer Rüstungsmarkt mit klaren Governance‑Strukturen, ein echter finanzieller Hebel für Verteidigung sowie eine einheitliche Exportpolitik, die industriepolitische Handlungsfähigkeit mit normativen Ansprüchen verbindet. Auch Command‑and‑Control‑Fragen – etwa ein ständiges europäisches Hauptquartier, das über Ad‑hoc‑Strukturen hinausgeht – sind ungelöst. Solange Mitgliedstaaten ihre Verteidigungspolitik primär national organisieren, bleiben EU-Instrumente ergänzend – nicht strukturprägend.

Genau dies ist laut Sandra Weeser (FDP), ehemalige Vorsitzende der ehemaligen Arbeitsgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik innerhalb der Deutsch-französisch parlamentarischen Versammlung und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europaparlament, jedoch das Problem. In Ihrem Essayband „die Herzkammer Europas: Deutsch-französische Impulse für die Sicherheitsordnung der EU“ diskutieren sie weiteren Ideen, die von Deutschland und Frankreich umgesetzt werden sollten, um Europas Verteidigung von morgen zu gestalten. Ein Meilenstein bestünde in der Integration der Streitkräfte auf europäischer Ebene, wenngleich ein schrittweises Vorgehen auf freiwilliger Basis von einigen wenigen Mitgliedstaaten ein erster pragmatischer Schritt in diese Richtung darstellen würde. Die deutsch-französische Brigade dient bereits als Beispiel für eine funktionierende militärische Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg. Um Modelle wie diese auszuweiten, müssten regulatorische Hürden zu überwunden und sicherheitspolitische Entscheidungen stärker auf europäischer Ebene gebündelt werden.

[...]

Jeanette Süß ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) des französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri). Zuvor war sie als European Affairs Managerin beim Brüsseler Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, wo sie unter anderem die Frankreich-Projekte der Stiftung betreute.

 

Decoration

Inhalte verfügbar in :

Teilen

Decoration
Author(s)
Photo
photo_jeanette_suss_noir_blanc-min.jpg

Jeanette SÜẞ

Intitulé du poste

Research Fellow, Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) am Ifri

Verwandte Zentren und Programme
Weitere Forschungszentren und Programme
Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa)
Accroche centre

Das Studienkomitee für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa) wurde 1954 durch eine zwischenstaatliche Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich gegründet, um die Kenntnisse über Deutschland in Frankreich zu vertiefen und die deutsch-französischen Beziehungen, einschließlich ihrer europäischen und internationalen Dimensionen, zu analysieren. Durch seine Konferenzen und Seminare, die Experten, politische Entscheidungsträger, hochrangige Funktionäre und Vertreter der Zivilgesellschaft beider Länder zusammenbringen, fördert das Cerfa die deutsch-französische Debatte und regt politische Vorschläge an. Es veröffentlicht regelmäßig Studien in zwei Reihen: den « Notes du Cerfa » und den « Visions franco-allemandes ».

Das Cerfa unterhält enge Beziehungen zu deutschen Stiftungen und Think Tanks. Neben seiner Forschungs- und Debattenarbeit fördert das Cerfa die Entstehung einer neuen deutsch-französischen Generation durch originelle Kooperationsprogramme. So führte das Cerfa 2021-2022 ein Programm über Multilateralismus in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Paris durch. Dieses Programm richtete sich an junge Fachkräfte aus beiden Ländern, die sich im Rahmen ihrer Tätigkeiten für die Herausforderungen des Multilateralismus interessieren. Es umfasste eine breite Palette von Themen im Zusammenhang mit Multilateralismus, wie internationalen Handel, Gesundheit, Menschenrechte und Migration, Nichtverbreitung und Abrüstung. Zuvor hatte das Cerfa am deutsch-französischen Zukunftsdialog teilgenommen, der von 2007 bis 2020 gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung geleitet wurde, sowie an der Gruppe Daniel Vernet (ehemals Deutsch-Französische Reflexionsgruppe), die 2014 auf Initiative der Stiftung Genshagen gegründet wurde.

Image principale

Merz' Europapolitik: das Ende vom "German vote"?

Date de publication
21 Januar 2026
Accroche

Friedrich Merz’ Ziel ist es, Deutschland von der oft zögerlichen Rolle der vergangenen Jahre zu einem klar erkennbaren Gestaltungsakteur in der Europäischen Union zu machen, der seine Verantwortung für die europäische Integration offensiv wahrnimmt. Kern dieses Anspruchs ist das Versprechen, den „German vote“ zu überwinden – also jene Konstellationen, in denen Deutschland aufgrund innerstaatlicher Abstimmungsprobleme in Brüssel keine eindeutige Position bezieht und so die europäische Entscheidungsfindung blockiert.

Image principale

Zwischen Vorstellung und gelebter Realität: die deutsch-französische Grenze als europäisches Zukunftslabor

Date de publication
16 September 2025
Accroche

In Europa ist die Frage der Grenzen alles andere als nebensächlich. Nach Angaben des Europäischen Parlaments umfassen die Grenzregionen rund 40 % des Territoriums der Europäischen Union (EU), beherbergen 30 % ihrer Bevölkerung und erwirtschaften nahezu ein Drittel ihres Bruttoinlandsprodukts. 

Claire DEMESMAY, Direktorin des Institut français de Bonn
Image principale

Ein deutsch-französischer „Reset“? Die Ambitionen des deutsch-französischen Ministerrats - Herausforderungen einer gemeinsamen Führungsrolle in Europa.

Date de publication
27 August 2025
Accroche

Friedrich Merz ist als rheinischer Katholik ein Erbe der deutsch-französischen Politik der CDU, von Konrad Adenauer über Wolfgang Schäuble bis hin zu Helmut Kohl. Auch wenn die deutsch-französische Rhetorik und Denkweise bei ihm tief verwurzelt sind, muss man ihre Ergebnisse dennoch relativieren. 

Image principale

Sozialpolitik in Deutschland: Bilanz der Ampelkoalition und Perspektiven der neuen Regierung

Date de publication
08 Juli 2025
Accroche

Notes du Cerfa, N0. 188, Ifri, Juli 2025 — Die Niederlage der „Ampel-Koalition“ bei den vorgezogenen Bundestagsswahlen im Februar 2025 lädt zu einer ersten, notwendigerweise selektiven Bilanz der im Laufe ihrer Amtszeit durchgeführten Sozialpolitik ein.

Arnaud LECHEVALIER

How can this study be cited?

Deutsch-französische Impulse für eine europäische Verteidigungspolitik – zwischen Gestaltungsanspruch und Defiziten, from Ifri von
Kopieren